Reportage aus dem Radl-Magazin
Text und Fotos von Jo Deleker
Weit draußen vor der Küste Westafrikas verlieren sich 15 Eilande in der endlosen Weite des Atlantiks, die Kapverdischen Inseln. Hier leben unglaublich freundliche Menschen in einer gewaltigen Landschaft. Als Reiseradler ist man die tägliche Sensation.
Eine unsichtbare Riesenfaust scheint unsere kleine Twin Otter gepackt zu haben und schüttelt sie hin und her. Wir ziehen die Sicherheitsgurte noch ein Stückchen fester. Unter uns nichts als die endlose Weite des Atlantiks. Der stürmische Wind treibt tausende weißer Schaumkronen über das tiefblaue Wasser. Die Insel Santiago ist längst im Dunst verschwunden. Der Copilot reicht eine Handvoll Plastiktüten aus dem offenen Cockpit, die unter den 18 Passagieren in der vollbesetzten Propellermachine reißenden Absatz finden. Plötzlich sackt der Flieger ein paar Meter im freien Fall abwärts um gleich darauf zu einer scharfen Linkskurve anzusetzen. Was nicht wenige für eine besondere Gemeinheit des Piloten halten, ist nichts anders als der Rückzug. "Zu windig, wir kehren um," lautet die lapidare Erklärung aus dem Cockpit. Als ob das Manöver die normalste Sache der Welt wäre.
Der Windgott scheint besänftigt und läßt uns bis zur Landung in der Hauptstadt Praia in Ruhe. Alles wird wieder ausgeladen, auch unsere so mühsam verstauten drei Fahrräder. Was nun? Warten auf weniger Wind? Bald verbreitet sich das Gerücht, daß am Nachmittag ein Flugzeug der Küstenwache nach Brava, unserer Zielinsel, fliegen würde. Schließlich war der Staatspräsident Antonio Mascarenhas Monteiro mit uns an Bord, um zum Wahlkampf nach Brava zu fliegen. Grund genug, einen neuen Flug zu wagen. Tatsächlich landet ein paar Stunden später eine schnittige, weiße Dornier. Unsere Hoffnung wird allerdings schnell vom Winde verweht, es gibt nicht genug Platz für die Passagiere. Aber wenn der Präsi sowieso fliegt könne man ja zumindest unsere Räder mitnehmen. Das Angebot klingt verlockend, vor allem wenn wir an das stundenlange hin und her am Morgen denken, bis die Bikes endlich in winzigen Laderraum der Twin Otter verstaut waren. Wir können ja nicht ahnen, was da noch alles kommen wird.
Am nächsten Morgen sind wir schon um sechs Uhr am Flugplatz. Keine Stunde später steht die Twin Otter zum Abflug bereit auf der Startbahn. Aber schon drohen sich neue Probleme an. Das Gaspedal klemmt. Mit vereinten Kräften versuchen die beiden Piloten den Hebel zu bewegen, aber der weigert sich hartnäckig. Ratlosigkeit. Ein kurzer Funkspruch und der kleine weiße Flieger rollt zurück zum Terminal. Wieder wird alles ausgeladen. Warten. Eine Stunde später haben die Mechaniker den Vogel wieder flott. Fast kommt Freude auf, als uns die neuerliche Nachricht "zu viel Wind" wieder zum Ausharren und Hoffen verdonnert. Zäh vergehen die Stunden. Die Sonne zieht ihre Bahn am blitzeblauen Himmel. Andere Flugzeuge kommen und starten. Sie fliegen eben nicht zum turbulenten Brava. Der Passatwind treibt Tonnen von braunrotem Staub und hunderte von Plastiktüten vorbei. Mittags wird der heutige Brava-Flug endgültig gestrichen. Aber morgen...
Von wegen. Wieder das gleiche Spiel. Zweimal wird der Flug angekündigt und kurz darauf wieder abgesagt. Einer der frustrierten Brava-Passagiere erzählt uns von einem Schiff, das noch heute nach Brava fahren soll. Ist das unsere Chance?
Spät abends stehen wir sprachlos vor einem ehemalige norwegischen Fischkutter, kaum mehr als 20 Meter lang. Stolz prangt der Name "Furna" am blauen Rumpf. Mit dem Kahn sollen wir bei sieben Windstärken zehn Stunden über den offenen Atlantik schippern? Sieht so die ultimative Hoffnung aus? Für mindestens 50 Leute scheint es so, alle wollen nach Brava. Bananen, Stühle, vier Ziegen und jede Menge Koffer und Tüten werden verladen. Bis sich eine Nachricht, die zunächst keiner ernsthaft glaubt, verbreitet: "Es gibt weder Wasser noch Sprit an Bord". Der Witz wird zur Realität. Seit über 30 Stunden liegt der Kahn schon im Hafen, und erst jetzt fallen die leeren Tanks auf? Wir kommen uns reichlich verschaukelt vor. Hätten wir bloß unsere Räder nicht nach Brava vorgeschickt. Aber morgen soll die Furna ganz sicher fahren, wird den verärgerten Fahrgästen versichert. Ob wir's glauben oder nicht, ein weiterer Tag in Praia steht uns bevor.
Eigentlich wollten wir höchstens einen Tag in Praia verbringen, wir hatten einfach keine Lust auf die Hauptstadt. Dabei hat sie durchaus Reizvolles zu bieten. Etwa den quirligen afrikanischen Markt, auf dem von morgens bis abends so ziemlich alles vom meterlangen Thunfisch bis zum verchromten Lockenwickler angeboten wird. Oder die Mischung aus postkolonialer portugiesischer und westafrikanischer Lebensweise. Aber es fällt schwer für all das Neue offene Augen zu haben. Zu sehr beschäftigt uns das tägliche Transportproblem.
Pünktlich um 20 Uhr sind wir am nächsten Abend wieder im Hafen. Mit vielversprechendem Grinsen empfängt uns der Kapitän. Ein paar weiße Zähne blitzen in seinem tiefschwarzen runden Gesicht auf. Ein verwaschenes T-Shirt, eine blaßbunte Bermudashorts, der man ihr Alter selbst im Dunkeln ansieht, und die obligatorischen Gummischlappen bilden seine individuelle Uniform. Na und? Hauptsache die Furna hat genug Sprit gebunkert. Zwei Stunden später ist das Schiff beladen, die Leinen werden gelöst, und die Furna nimmt Fahrt auf. Endlich weg von Praia.
Unten im unbelüfteten Salon drängen sich über 40 Menschen. Schon jetzt ist die Luft zum Schneiden dick. Zu allem Überfluß fangen auch noch die ersten Passagiere an zu kotzen, bevor auch nur eine Welle das Schiff zum Schaukeln gebracht hat. Schnell sind die aufgestellten schwarzen Zehnlitereimer vergriffen. Das wiederum interessiert die tierischen Bewohner der Furna. Fette, schwarze Kakerlaken kommen aus ihren Verstecken, krabbeln an den Wänden hoch und peilen die Lage. Nix wie weg hier. Oben auf der Brücke bin ich mit dem Käptīn alleine. In gebrochenem Englisch erzählt er ein bißchen wehmütig, daß er jahrelang auf richtigen Schiffen um die Welt gefahren ist. Sogar in Hamburg ist er ein paar Mal gewesen. Warme, salzige Seeluft bläst durch die offenen Fenster. Alles deutet auf eine ruhige Nacht hin. Aber zu früh gefreut.
Plötzlich fällt die Motordrehzahl ab. Kein Öldruck mehr. Antriebslos tanzt die Furna auf den immer höher werdenden Wellen. Freihändig stehen ist unmöglich. Noch ist der Käptīn zuversichtlich, aber nach einer Stunde hat sich seine Laune dem Öldruck angepaßt: verdammt niedrig. Es sieht nicht gut aus. Langsam dreht die Furna ihren Bug gegen die Wellen nach Praia. Die wird doch wohl nicht...? Und ob sie wird! Um keinen endgültigen Motorschaden zu riskieren, pöttert die Furna in Schrittgeschwindigkeit zurück zum Hafen. Nachts um zwei hat uns Praia wieder. Ratlosigkeit, Verzweiflung, Wut. Wir suchen uns einen leeren Container, rollen die Isomatten aus und versuchen etwas zu schlafen. Was besseres finden wir um diese Zeit sowieso nicht mehr. Die Odyssee hat sich zum Alptraum entwickelt.
Aber auch diese Nacht ist irgendwann zu Ende. Ein klappriges Peugeot-Taxi bringt uns wieder mal zum Café Avis in der Altstadt. Beim Frühstück sondieren wir die Lage. Ergebnis: besch... Wir haben keine andere Wahl als zu warten und den Flug umzubuchen. Brava können wir wohl endgültig vergessen. Also disponieren wir um nach Fogo, der Vulkaninsel. Die dortige Landebahn soll außerdem weniger turbulent sein. Zwei Tage später sind unsere Räder tatsächlich wieder in Praia, nachlassender Wind machtīs möglich. Also auf nach Fogo.
Nach kaum einer halben Stunde Flug steuert der Pilot geradewegs auf eine gigantische schwarze Felswand zu. Im letzten Moment zwingt er die Otter in eine scharfe Linkskurve um gleich darauf steil nach unten aufs Meer zuzustürzen. Wieder mal bleibt uns die Luft weg. Kurz bevor die dicken Räder die ersten Wellenkämme berühren, schiebt doch noch jemand eine braune, buckelige Landepiste dazwischen. Rumpelnd und in einer mächtigen Staubwolke kommt der Flieger vor dem winzigen Abfertigungsgebäude zum Stehen. Geschafft, wir sind gelandet. Endlich, am Mittag des elften Tages können wir die Wiedervereinigung mit unseren drei Fahrrädern feiern. Kann die Radreise denn jetzt endlich anfangen?
Was für ein unbeschreibliches Hochgefühl, endlich "on the road" zu sein. Das Konzentrieren auf die schlechte Pflasterstraße gerät zur Nebensache, als wir den Ort Mosteiros erreichen. Kinder rennen zusammen, Frauen halten bei ihrer Arbeit inne, und den Männern vor der Bar wird vor lauter Staunen das Bier warm. Drei Bleichgesichter auf vollbeladenen Rädern, das ist die Sensation des Jahres. Wir kommen uns vor wie Wesen aus einer anderen Welt, oder sogar von einem anderen Stern? Unser Gruß "Bom dia" wird immer erwidert, mal überschwenglich freundlich, mal zurückhaltend, mal belustigt oder sogar anfeuernd. Ein vielleicht 35jähriger kommt auf einem alten, klapprigen Mountainbike entgegen. Er verzieht seinen zahnarmen Mund zu einer ungläubigen Grimasse und ruft uns und allen Zuschauern lautstark zu: "You`ll never make it, guys!" Dabei beschreibt er in gestenreichen Worten die Killersteigungen auf dem Weg nach São Filipe. Er begleitet uns noch ein Stück, erzählt von seinen zehn Jahren in Amerika und ruft allen Leuten zu, daß die drei verrückten Touris mit ihren "biciclettas" nach São Filipe wollen.
Wir müssen uns erst daran gewöhnen, daß in dieser Ecke Afrikas unerkanntes Radfahren unmöglich ist. Das merken wir auch am Abend, als die Zelte etwas abseits der Straße hoch über dem Meer stehen. Kaum einer, der über die Straße fährt und nicht anhält, um ein paar Worte mit uns zu wechseln, oder sogar zu Fuß auf einen Plausch herüber kommt. Es ist schon längst dunkel, als sich ein Auto nähert und anhält. Ein paar Männer steigen aus und suchen mit Taschenlampen das Gelände ab. Suchen die etwa uns? Ihre Lampen sind allerdings zu schwach. Also rangieren sie mit dem Auto und aufgeblendeten Scheinwerfern solange hin und her, bis uns ein Lichtstrahl erfaßt hat. Mulmiges Gefühl, trotzdem winken wir. Prompt kommen die acht Männer auf uns zu. Einer spricht sogar französisch. Keine Spur von Unfreundlichkeit oder gar Aggression. Wieder mal freundliche, offene Neugier und Erstaunen. Wir plaudern eine Weile, tauschen Namen aus und beantworten die üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin. Erst als sich die abendlichen Besucher mit ihrem Pickup auf den Rückweg gemacht haben, wird mir klar, wie selbstverständlich und vorbehaltlos die Männer mit uns Fremden umgegangen sind. Wenn ich da an zuhause denke...
Früh um sieben kriechen wir am nächsten Morgen aus dem Zelt. Die Morgensonne taucht den schwarzbraunen Vulkankegel des Pico in warmes Licht. Weiße Passatwolken driften weit unterhalb des 2829 m hohen Gipfels über gelbe Felder und schwarze Lavaströme. Da oben wollen wir hin, eine Straße führt an der Westseite des Pico bis auf 1700 Meter hinauf. Aber gemach, da war doch die Rede von irgendwelchen Killersteigungen?! Tatsächlich lassen die nicht lange auf sich warten. Die schmale, grob gepflasterte Straße windet sich durch das steil zum Pico ansteigende trockene Land. Im Sommer, zur Regenzeit, ist hier alles üppig grün. Tief eingeschnittene, ausgetrocknete Flußläufe kreuzen immer wieder unseren Weg. Jedesmal sticht die Straße steil hinunter, nur um auf der anderen Seite mit einer atemberaubenden Steigung auf uns zu warten. Längst ist der Wiegetritt die einzige Chance, um überhaupt noch fahrend voranzukommen. Der Schweiß läuft in der schwülen Luft in Strömen, die Wasserflaschen leeren sich rasend schnell, und die Pausen werden häufiger und länger.
Endlich erreichen wir den kleinen Ort Cova Figueira. Vor einem weiß getünchten Haus steht ein Dutzend Männer und diskutiert über Gott und die Welt. Fast verdecken sie den unscheinbaren Laden. Durch die offene Tür erspähen wir ein Regal mit Getränken. Nichts wie rein. Es gibt sogar einen Kühlschrank mit sieben Flaschen kalter Limonade. Wir kaufen den gesamten Bestand. Im Schatten einer alten Akazie sitzend, zischen wir das quietschsüße Zeug weg und sehen den Männern zu. Deren Diskussion dreht sich längst nur noch um uns und die Räder. Einer scheint sich gut auszukennen. Birgit fordert ihn auf, doch mal eine Runde zu drehen. Das läßt sich Matillo nicht zweimal sagen. Der erste Kreis mit dem beladenen Bike sieht zwar noch reichlich kippelig aus, aber sofort kommt Stimmung auf, die Männer feixen. Dann gewinnt Matillo bergab zunehmend an Speed und verschwindet hinter der nächsten Kurve. Weg ist er. Die Minuten vergehen. Vielleicht hätte ihm Birgit doch noch erklären sollen, wie die Bremsen funktionieren. Aber die Sorgen sind unbegründet. Schon kommt Matillo keuchend den Berg hochgeschnauft, grinst uns kurz zu und fährt gleich weiter. Nach einer Ehrenrunde durchs Dorf kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr, Matillo will das Rad gleich kaufen. Der spontane Deal scheitert dann aber doch am fehlenden Kleingeld.
Vollbeladen mit frischem Wasser nehmen wir den Kampf gegen den Berg wieder auf. Fogo ist eine fast kreisrunde Insel, kaum mehr als 25 km im Durchmesser. Der Name stammt von dem alles beherrschenden Vulkan und bedeutet Feuer. Die ganze Insel strebt dem Vulkan zu. Der besteht aus dem ebenmäßigen Kegel Pico, dem höchsten Berg des Archipels und einer Felswand, die ihn im weiten Halbrund umgibt. Diese 2700 m hohe Wand ist der Rest des uralten, noch größeren Vulkans. Zwischen der Felswand des alten Vulkans und dem noch relativ jungen Pico breitet sich eine große ebene Fläche aus, die Caldeira.
Am nächsten Abend haben wir es endlich geschafft, wir stehen am Rand der Caldeira auf 1700 m Höhe. Der erste Blick in diese völlig fremdartige Welt raubt uns den Atem. Dutzende von kleinen Kratern sind in der Caldeira entstanden. Lavaströme haben sich ihren Weg im Vulkankessel gebahnt und die merkwürdigsten Skulpturen geformt. Nur zwei Farben dominieren die bizarre Landschaft: braun und schwarz. Alles wird von grobkörniger Asche bedeckt. Schuld daran ist ein nagelneuer Krater, kaum zehn Monate alt. Im Frühling 1995 spuckte er für 45 Tage Asche und Lava, vernichtete Teile der Weinkooperative und fraß elf Häuser des kleines Dorfes Chã das Caldeiras. Immer noch wabern schwefelige, ätzende Dämpfe aus dem Schlund. Wir suchen uns einen Platz mitten in der schwarzen Einöde. Aber was heißt schon Einöde? Uns begeistert die gigantische Szenerie dieser vulkanische Wüste.
Je tiefer die Sonne sinkt, desto spannender wird das Spiel von Licht und Schatten. Viel zu schnell wird es soweit im Süden dunkel. Und dunkel heißt hier wirklich dunkel. Nichts, aber auch gar nichts ist mehr zu sehen. Dafür breiten sich Millionen von Sternen über uns aus. Mit der Nacht kommt eine fast unheimliche Stille. Nur das leise Rauschen im eigenen Ohr ist noch zu hören.
Nicht weniger eindrucksvoll ist der nächste Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Caldeirawand in orangenes Licht. Der Kegel des Pico zeichnet sich als tiefschwarzer Schatten auf der Wand ab. Der neue Vulkankegel raucht leise vor sich hin. Nach dem Frühstück steigen wir ihm aufīs Haupt. In der tiefen Asche ist das Vorankommen äußerst mühsam. Drei Schritte vor, zwei zurück. Wie lange doch 150 Höhenmeter dauern können. Aber die Belohnung wartet oben. Große Fumarolenfelder verbreiten beißende Schwefeldämpfe. Die Ausdünstungen der Erde kristallisieren auf der schwarzen Asche in allen Farbtönen vom hellen Gelb bis zum schreienden Orange. Was für Kontraste! Vorsichtig suchen wir uns zwischen den Schwaden einen Weg zum Krater. Nur kurz können wir einen Blick in die bizarre Tiefe werfen, dann zwingen uns die Dämpfe zum Rückzug.
Vor lauter Begeisterung haben wir unseren Wassernotstand vergessen. Also schnell zu den Zelten zurück, die Räder gesattelt und ab zum kleinen Dorf an der Nordseite der Caldeira. Aber was heißt schon schnell. Der letztjährige Ausbruch hat die alte Straße komplett zerstört. Die neue wird gerade von Hand gepflastert. Geld aus der Entwicklungshilfe ermöglicht den raschen Neubau. Mühsam hoppeln wir durch die Mittagshitze nach Chã das Caldeiras.
Kaum angekommen, umringen uns mindestens 20 Kinder und ein paar Erwachsene. Die Frage nach der Bar ist schnell geklärt. Alle wollen uns hinbringen. Dort treffen wir Simiano, mit dem wir schnell ins Gespräch kommen. Wir fragen nach Wasser und kalter Cola, er lädt uns zum Rotwein ein. Was denn, so früh am Tag? "Klar, hier gibtīs den besten Wein der Kapverden. Er wächst bei uns in der Caldeira." Na gut, überredet. Im Schatten einer dürren Akazie verbringen wir den Nachmittag. Simiano erzählt vom letzten Vulkanausbruch, von der Evakuierung aller Bewohner, vom Leben in der Caldeira und vom Besteigen des Pico. Die Stunden fließen in der Nachmittagshitze dahin. Hin und wieder müssen wir dem wandernden Schatten des Baums folgen. Erst als die Sonne hinter der Caldeirawand verschwindet, fällt uns das nötige Wasser eine. Schnell ist ein Seil organisiert, und aus der Tiefe der Zisterne holen wir klares, kühles Wasser herauf. Bevor wir uns verabschieden, müssen wir Simiano versprechen, morgen nochmal wieder zu kommen.
Dem kommen wir gerne nach. Wir lernen fast die gesamte Familie kennen. Am liebsten hätte uns Simiano alle vorgestellt, aber bei 28 Geschwistern ist das nicht ganz so einfach. Nach fünf Tagen in der Caldeira können, ja müssen wir uns losreißen. 1700 Meter Abfahrt bis São Filipe an der Westküste liegen vor uns. Ein Traum? Weit gefehlt. Das Pflaster ist meistens so grob, daß der Tacho nicht mal in den zweistelligen Bereich vorrückt. Trotzdem gibt an Birgitīs Fahrrad der Gepäckträger den Geist auf, bei meinem Rad verabschiedet sich ein Flaschenhalter ins Jenseits. Tribut an die Schüttelei.
São Filipe ist eine afrikanische Inselhauptstadt mit eindeutig portugiesischem Charakter. Restaurierte, bunte Steinhäuser im Kolonialstil prägen die Stadt. Dazwischen immer wieder großzügige Plätze, wo alte Bäume Schatten spenden. Wir haben wieder mal mehr Zeit als uns lieb ist. Eigentlich soll es mit dem Schiff in den Norden zur Insel Santo Antão gehen. Dumm nur, daß die Reederei Arca Verde alle vier Tage einen neuen Fahrplan herausgibt, um ihn dann doch nicht einzuhalten. Übermorgen sollte die "Sotavento" von hier ablegen, sie ist aber schon seit heute morgen weg. Das nächste Schiff? Vielleicht in der kommenden Woche?! Wieder mal geht die Planerei los. Anrufe bei der Direktion von Arca Verde, stundenlanges Durchprobieren von Flugverbindungen im Büro der Fluggesellschaft. Bloß die Ruhe bewahren, Nerven wie Drahtseile sind gefragt. Schließlich bleibt uns nur noch eine Möglichkeit, um überhaupt von Fogo wegzukommen: Übermorgen mit dem Schiff nach Brava. Brava? Allein bei dem Gedanken zucken wir zusammen. Da kommen wir doch nie wieder weg! Ist es Fatalismus, die Lust aufīs Risiko oder das erste Anzeichen von afrikanischer Gleichgültigkeit, was uns letztlich dazu bringt die Tickets nach Brava zu kaufen? Wie dem auch sei. An Bord der "Barlavento" schippern wir doch tatsächlich nach Brava. Wer hat da "Island of no return" gesagt?
Vor dem Hafen von Furna geht die Barlavento vor Anker. Menschen und Fracht werden auf kleine Holzboote umgeladen und an Land gerudert. Eine schmale, holprige Straße führt aus Furna heraus. Bei einem Inseldurchmesser von 10 km und einer maximalen Höhe von fast 1000 m ist schnell klar was das heißt: atemberaubende Steigungen. Kilometerlang kommen wir nur im Wiegetritt voran. Kehre um Kehre geht es aufwärts. Der Blick zurück beschert uns wunderschöne Aussichten auf die kleine Bucht von Furna und den monumentalen Vulkan der Nachbarinsel Fogo, der am Horizont aus dem tiefblauen Atlantik wächst.
Je höher wir kommen, desto mehr wandelt sich die Landschaft. Die steinige Einöde an der Küste weicht fruchtbaren, grünen Feldern. Die Passatwolken bringen soviel Feuchtigkeit mit, daß die Pflanzen hier ganzjährig gedeihen. Über eine zweispurige Allee fahren wir in die Inselhauptstadt Nova Sintra. Was für ein Kontrast zu Praia oder São Filipe. Hier ist alles grün, Gärten, Blumen und dicke Affenbrotbäume. Dazu viele gepflegte Häuser.
Wir ergänzen unsere Vorräte und stemmen uns wieder gegen den Berg. Die Straße wird noch schmaler und holpriger. Eine Schule liegt am Weg, natürlich gerade da, wo wir mit der Killersteigung zu kämpfen haben. Zufällig ist große Pause und wir kommen als Pausenclowns wie gerufen. Mindestens 50 Kinder heften sich an unsere Hinterräder. Plötzlich schießt Guido an mir vorbei. Wasīn nun los? Energieschub bei 15 Prozent Steigung? Tiger im Tank? Viel besser, ein paar Kinder schieben Guido mit offensichtlicher Begeisterung den Berg hoch. Leider nicht allzu lange, dann hilft wieder nur noch selber treten.
Ein paar Kurven später haben wir es geschafft. Bravas höchste Berge liegen vor uns. Im fruchtbaren Hochtal wechseln sich kleine bunte Häuser mit Gärten, Wiesen und Plantagen ab. Hinter dem Dorf Lima Doce endet die Pflasterstraße. Ein paar Fußwege winden sich weiter in die Bergwelt. Unsere Anwesenheit hat sich längst herumgesprochen. Wir sind mal wieder umzingelt, als wir einen wunderbaren Platz fürīs Zelt gefunden haben. Die Kids harren der spannenden Dinge, die die Touris da hoffentlich vorführen werden. Und ob wir das tun! Aus einer dicken, hellblauen Stoffwurst zaubern wir eine kleine Höhle, die sogar mit Reißverschlüssen zu verschließen ist. Die selbstaufblasbaren Isomatten kommen auch nicht schlecht. Aber die größte Fazination geht wie immer von den Fahrrädern mit den vielen Hebeln und Schaltern aus. Auf die Tasten der kleinen Bikecomputer will jeder mal draufdrücken und die Funktionen durchprobieren. Alles wird ausgiebig kommentiert. Was für uns die normalsten Sachen der Welt sind, bedeutet für die Kinder oft Unglaubliches. Aber wären wir nicht genauso überrascht, wenn sie uns ihre Welt zeigen würden?
Nach der windigen und kalten Nacht in den Bergen fahren wir weiter zur Westküste, dorthin wo die Straße endet, nach Faja d'Agua. Die Abfahrt ist für kapverdische Straßenverhältnisse ein Rausch. Fast 40 km/h läßt das gute Pflaster zu. Zwischen bizarr erodierten Felswänden schlängeln wir uns dem Meer entgegen. Plötzlich überrascht uns hinter einer scharfen Kurve die Aussicht auf Faja d'Agua. Vollbremsung. Was für eine traumhafte Bucht. Lange Wellen rollen an den steinigen Strand, die weiße Gischt verliert sich zwischen den runden Brocken. Kleine, pastellfarbene Häuser ducken sich unter Palmen, die sich ewig im Passatwind biegen. Dahinter streben grüne und braune Bergwände fast senkrecht in den blauen Himmel. An den unmöglichsten Stellen haben die Menschen Terrassen angelegt, auf denen es üppig wächst. Die ganzjährig sprudelnde Quelle macht diese Vegetation in Verbindung mit dem warmen Klima erst möglich. Ein kleines Paradies.
Kaum sind wir im Dorf angekommen, stehen wir schon wieder im Mittelpunkt. Aufgeregter als sonst zeigen selbst Erwachsene auf unsere Räder. Warum, erfahren wir von João, dem Wirt der Pension Burgos. Unsere Bikes kennt hier fast jeder. Schließlich warteten sie über eine Woche am kleinen Flugplatz auf uns. Die Geschichte hat sich natürlich schnell im Dorf herumgesprochen. Fast werden wir deshalb wie alte Bekannte begrüßt.
Die Pension Burgos liegt direkt am Meer. Ein einfaches Zimmer mit Blick auf den Atlantik ist noch frei. Vor dem weißen, zweistöckigen Haus spenden ein paar Palmen Schatten. Abends sitzen wir draußen und warten auf João, der das Essen serviert. Es gibt das Nationalgericht Cachupa, einen Brei aus Mais, Bohnen und etwas Fleisch, dazu Reis, Fritten und Fisch. Die Sonne macht sich derweilen auf den kitschigen Weg hinter eine Palmengruppe und schließlich ins Meer. Eine tropisch-traumhafte Fototapete, und wir sind mitten drin. Schon lange ist die erste chaotische Woche in Praia vergessen. Aber morgen soll uns der Flieger dorthin zurückbringen. Bei dem Gedanken müssen wir grinsen. Keiner von uns kann so richtig daran glauben, daß die Twin Otter morgen tatsächlich kommen wird. Denen wird schon noch irgendwas einfallen, egal ob zu viel Wind, technische Probleme oder sonst was. Ist es der laue tropische Abend, der Rotwein, oder hat uns die afrikanische Mentalität inzwischen eingeholt? Irgendwie ist es uns fast egal, ob der Flieger morgen kommt oder vielleicht erst nächste Woche.